Hinter die Tür geblickt: Nachbar*innen im GOERZWERK

Blicken Sie mit uns hinter die vielen Türen des GOERZWERKS und lernen Sie unsere spannenden Nachbar*innen kennen. In loser Folge stellen wir Ihnen Persönlichkeiten vor, die den Zehlendorfer Standort mit ihren reizvollen Projekten zu einem unternehmerischen Hotspot werden lassen. Den Anfang machen wir mit einem Atelier-Besuch bei Bettina K. Schneider, Glasgestalterin, Restauratorin und Museologin.
 
"Glas bedeutet für mich eine fortwährende Reise voller Abenteuer und eine Prise Wahnsinn im Gepäck." (Bettina K. Schneider)

• Sie haben sich auf die Konservierung und Restaurierung von Glasobjekten und Kronleuchtern spezialisiert. Wie kam es dazu? 
Nach meiner Zeit an der Highschool in den USA zog es mich zur Ausbildung zur Kunstglaserin nach Österreich. Dort hat mich das Material Glas vom ersten Tag an fasziniert. Das ist fast 30 Jahre her und diese Anziehung hat in keinster Weise nachgelassen. Im Gegenteil!

Nach mehreren beruflichen Stationen in verschiedensten Werkstätten ist mir klar geworden, dass ich eine akademische Ausbildung brauchte, um sowohl wissenschaftlich als auch praktisch an musealen Objekten arbeiten zu können. Da es für mich selbstverständlich war, dass ich meine Kenntnisse im Umgang mit Glas vertiefen wollte, wusste ich, dass ich nach meinem Studium der Museumskunde einen weiteren Abschluss in der Konservierung und Restaurierung absolvieren würde.
 
Auf Glasobjekte und Kronleuchter habe ich mich spezialisiert, weil ich eine Grundausbildung in der Hohlglasschleiferei habe und von der Vielfalt der dreidimensionalen Objekte begeistert bin. Die Komplexität der Schäden und die jeweiligen Restaurierungsmöglichkeiten finde ich außerdem extrem spannend.

Die Kronleuchter kamen durch meine Arbeit als Restauratorin in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hinzu. Dort habe ich angefangen, mich mit der Geschichte der Leuchter und deren Herstellung intensiv auseinanderzusetzen. Es sind besondere Objekte, die wunderbare Geschichten erzählen. Um sie zu bearbeiten, ist ein differenziertes Wissen nötig und ein handwerkliches Geschick unabdingbar. Bei jedem Objekt lerne ich viel Neues dazu, u. a. auch weil jede Krone an sich und im Detail einzigartig ist. Es ist jedes Mal ein Abenteuer, auf das ich mich immer wieder freue.
 
Wir brauchen ein Grundverständnis für die Vergangenheit, um uns in der Gegenwart zu positionieren. Also finde ich es sehr wichtig, die Vergangenheit greifbar und bestenfalls verständlich zu machen. Aktiv am Schützen und Bewahren von Kulturgut beteiligt zu sein, ist für mich eine äußerst sinnvolle Tätigkeit.
 
• Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?
Sehr atypisch. Die drei Bereiche meiner Tätigkeit –Museologie/Restaurierung/Glasgestaltung – brauchen alle Ruhe, Konzentration und Geduld. Bei der Museologie muss manchmal recherchiert werden: Woher kommt das Objekt? Wie sieht die Provenienz aus? Solche Fragen lassen sich nicht immer sofort klären, also werden die Informationen erst gesammelt. Bei der Restaurierung muss jeder Schritt wohlüberlegt sein. Das braucht manchmal ein Anfangen, ein Anhalten und dann eine Zeit der Reflektion. Diese vielen Schritte erfordern einen Plan mit viel Flexibilität. Ansonsten ist mein Alltag durch den chronologischen Ablauf der Aufgaben strukturiert. Meist fängt mein Tag mit administrativen Tätigkeiten und einer Tasse Kaffee an.
 
• Was macht den Werkstoff Glas für Sie so besonders?
Die unendlichen Möglichkeiten der Bearbeitung. Die Tatsache, dass bei allem Wissen über das „Wie“ der Glasherstellung es noch immer ein Rätsel ist, warum es durchsichtig ist und nicht zuletzt die Polarität zwischen dem heißen formbaren und kalten geformten Glas.

 • Woran arbeiten Sie gerade?
Derzeit arbeite ich an einem Projekt für die Stiftung Stadtmuseum Berlin. Dort digitalisiere, fotografiere und erfasse ich Zustandsbeschreibungen einer bedeutsamen Glassammlung zur Berliner Stadtgeschichte. Des Weiteren restauriere ich die beschädigten Gläser.
Hier im Atelier arbeite ich an Prototypen verschiedener Produkte, die in den Food-Bereich fallen: Zum Beispiel Serviettenringe und Messerbänke aus Glas, die in der Formgebung Knochen nachempfunden werden.
Ein weiterer Teil meiner Arbeit besteht darin, Objekte von Privatleuten zu reparieren oder zu restaurieren. Wobei es da einen klaren Unterschied gibt. Das Reparieren macht ein Objekt, z. B. ein angeschlagenes Weinglas, wieder brauchbar, entfernt aber dafür Originalsubstanz. Bei der Restaurierung gilt es, genau diese Originalsubstanz zu schützen und zu erhalten. Hierbei wird nichts entfernt.
 
• Was wäre Ihr absolutes Traumprojekt?
Schwer zu sagen, da ich das Gefühl habe, meinen Traumberuf auszuüben. Einige der Projekte, die ich bearbeite oder bearbeitete, waren für mich absolute Traumprojekte. Mal sehen was die Zukunft bringt!
 
• Was hat Sie zur Gründung Ihres Labels Betty Chicago inspiriert?
Ursprünglich komme ich ja aus dem Handwerk und liebe es, schöne Dinge herzustellen, zu gestalten und frei zu entwickeln. Betty Chicago ist ein Ausgleich zu meinen akademischen Tätigkeiten und lässt Raum für Kreativität. Mit Betty Chicago kann ich Produkte machen, die im Alltag ihren Platz finden. Glasdeckel für Trinkgläser, Anhänger, Glasfliesen, Windlichter, kleine Schalen für Schokolade oder Kekse oder, oder, oder. Die Sachen sind spielerischer und laden hoffentlich ein wenig zum Schmunzeln ein.
 
• Was schätzen Sie am Standort GOERZWERK vor allem? 
Die Möglichkeiten, die der Standort bietet, u. a. die unterschiedlichen Gewerke und Betriebe auf dem Gelände. Der Ursprung des Gebäudes lag schließlich in einem handwerklichen Betrieb, es wurde 1915 für die Produktion von Rollfilme und Filmmaterial für die noch junge Filmwirtschaft errichtet,
Ich habe den Eindruck, dass es heute hier darum geht, dass jeder dem nachgehen kann, was nötig ist, um erfolgreich zu sein.

Tipp: Tag des offenen Ateliers: Samstag 3. Dezember 2016 von 12.00–16.00 Uhr
Verkaufsausstellung: www.BettyChicago.com und www.FineGlassRestoration.com